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Ungeklärter Aufenthalt und psychosoziale Belastung - Einführung und Diskussion mit Expert/innen und Betroffenen

Petra Brzank: Büro für medizinische Flüchtlingshilfe
Eva Stahl: Aktiv im Büro für medizinische Flüchtlingshilfe
Dr. Jessica Groß: Mitarbeit im Büro für medizinische Flüchtlingshilfe

Nach einem kurzen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen eines ungeklärten Aufenthaltstatus werden die daraus resultierenden Lebenssituationen, die geprägt sind durch eine extreme Verunsicherung, in einem psychosozialen Belastungsmodell dargestellt und interpretiert. Betroffene berichten von ihren Lebensbedingungen und deren Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Die Bedingungen psychotherapeutischer Intervention werden an Hand eines Praxisbeispiels verdeutlicht.
In der anschließenden Diskussion wurden Forderungen zur Verbesserung einer somatischen als auch psychosozialen Versorgung entwickelt und diskutiert.

Ungeklärter Aufenthaltsstatus und gesundheitliche Belastungen

Ursachen der Illegalität
Zur Verdeutlichung sollen die Ursachen für ein Leben in der Illegalität genannt werden, die so vielschichtig sind wie die Herkunftsländer der Migrant/innen. Illegalisierte können sein: abgelehnte und somit ausreisepflichtige Asylbewerber/innen und Bürgerkriegsflüchtlinge; Migrant/innen, die nach einer Scheidung kein eigenes Aufenthaltsrecht erhalten und nicht in ihr Herkunftsland zurückkehren können oder wollen; Angehörige von in Deutschland lebenden Migrant/innen, die nach der Einreise keinen eigenen Aufenthaltsstatus beantragen, wie z.B. Großeltern oder Verwandte von Arbeitsmigrant/ innen; Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel; Migrant/innen, die trotz abgelaufenem Touristen-, Studenten- oder Vertragsarbeitervisum nicht ausreisen oder wegen der Einreise ohne gültige Papiere oder Visa. Die geplante Aufenthaltsdauer hängt von der Einreisemotivation ab. Einige wollen nur für kurze Zeit arbeiten und dann in ihr Herkunftsland zurückkehren. Anderen ist eine Rückkehr in ihr Heimatland verwehrt, und sie suchen eine neue Lebensperspektive. Niemand jedoch plant ein Leben in der Illegalität.
Von einer gesundheitlichen Versorgung sind darüber hinaus Asylbewerber/innen, die sich nicht im zugewiesenen Landkreis aufhalten rechtlich ausgeschlossen. Anderen wird ein Krankenschein vom Sozialamt vorenthalten.

Gesundheitsbeeinflussende Faktoren
Betrachten wir die Lebensbedingungen von Illegalisierten, so wird deutlich, das sich ihre Armut nicht nur auf die materiellen Ressourcen beschränkt. Ein Leben ohne Aufenthaltstatus wird vielmehr von einer existentiellen Armut bestimmt. Die einzelnen Faktoren, die die Lebensbedingungen und somit auch die Gesundheit beeinflussen, können am Modell von Hildebrand und Trojan (1989) verdeutlicht werden.


Als Faktoren, die die Lebenslagen und somit auch die Gesundheit beeinflussen, werden genannt: Die materiellen Umwelt- und Wohnbedingungen, die in der Illegalität bestimmt sind von materieller Armut auf Grund niedriger oder nicht gezahlter Löhne. Eine schlechte Ernährung ist fast immer die Folge. Unsichere Mietverhältnisse, Abhängigkeit von Dritten, erhöhte Mieten und eine enge Wohnsituation in einem meist schlechten baulichen Zustand resultieren aus der Entrechtlichung. Da kein Geld für Sprachkurse aufgebracht werden kann, entstehen Verständigungsschwierigkeit auf Grund mangelnder Sprachkenntnis.
Unter dem Begriff materielle Ressourcen/Zugangschancen sind die fehlende soziale Absicherung bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Behinderung zu nennen. Das heißt, es gibt keine Krankenversicherung und somit keine Gesundheitsversorgung. Und es gibt auch keinen Zugang zu Ausbildungen jeglicher Art wie Schul- oder Berufsausbildung oder etwa für Kinder die Möglichkeit einer Kindergartenbetreuung.
Die Arbeitbedingungen sind gekennzeichnet von fehlendem Arbeitsvertrag, Arbeits-schutz, Arbeitszeitregelungen oder die Möglichkeit, sich auf das Arbeitsrecht zu beziehen. Die Löhne sind niedrig und die Auszahlung wird oft verweigert. An Urlaub oder Sondergratifikationen wie ein 13. Monatsgehalt ist gar nicht zu denken. Insbesondere bei Frauen kommt es im Arbeitsverhältnis zu sexuellen Übergriffen oder sie werden zur Prostitution gezwungen.

Eigene Normen und Wertsysteme, die von der deutschen Dominanzkultur abweichen, können zu Akulturationstress führen. Zu nennen sind Lebensstile, Kommunikations-formen, Familien- oder Communitystrukturen, die Bedeutung von Kindern und kulturspezifische Krankheitskonzepte.
Unter Körperkultur ist z.B. der oft falsch verstandenen Stellenwert von guter, ordentlicher Kleidung zu verstehen. Abgesehen von einer anderen kulturellen Bedeutung von Kleidung dient sie hier in der Illegalität als Schutz.
Geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen finden statt bei der Jobvergabe nach Geschlecht. Frauen arbeiten im Hauhalt oder als Babysitter und Männer auf Baustellen. Allgemein sind die Stereotypen Männer seien Verbrecher und Teil der Organisierten Kriminalität, Frauen hingegen Prostituierte oder ungebildete Hausfrauen zu beobachten. Nicht selten kommt es bei der Hausarbeit zu sexuellen Übergriffen.
Als dispositionelle Faktoren gelten der eigene physische Gesundheitszustand, der bestimmt ist entweder durch ein geringeres (healthy migrant effect) oder ein höheres Krankheitsrisiko auf Grund der Situation im Herkunftsland (schlechtere Ernährung oder Gesundheitsversorgung).
All diese Faktoren wirken auf die Lebenslage. Lebenslagen und soziale Unterstützung, Netzwerk oder Aktion bedingen sich gegenseitig. Communitystrukturen, politische Gruppen oder deutsche Unterstützer/innen können einerseits unterstützen und andererseits aber auch einen hohen sozialen Druck und Kontrolle bedeuten. Probleme bei der sozialen Interaktion entstehen immer wegen der mangelnden Sprachkompetenz, der Angst vor Denunziation und dem Erleben von rassistischen Vorurteilen bis hin zu Gewalttaten. All diese Faktoren führen zur sozialen Isolation und oft zu physischen oder psychosozialen Beschwerden.

Betroffenenberichte

Daniel [Name von der Redaktion geändert, d. Hg.]
Ich komme aus Äthiopien und bin seit Ende 1990 in Deutschland. Ich möchte hier Stellung nehmen zum Thema ungeklärter Aufenthaltsstatus und seinen Einfluss auf die Gesundheit.
Der ungeklärte Aufenthaltstatus ist ein schwerwiegendes Problem für mich und viele andere. Wir nehmen nicht Teil am Leben. Wir leiden still und schweigend und dürfen nichts machen. So wie andere in meinem Alter normalerweise eine berufliche Karriere machen, ist unser Leben ohne Aufenthalt langsam auch zur Karriere geworden. Es ist eine Karriere im Kampf ums Überleben. Wir kennen es nicht anders: kämpfen um zu überleben, um einen Aufenthaltsstatus und anderes zu bekommen. Es gelingt uns selten, meist verschlimmert sich die Situation. Wie bereits erwähnt, können verschiedene Krankheiten und Depressionen die Folgen sein. Manche sehen keinen anderen Ausweg als den Suizid. Viele Freunde habe ich so verloren, und viele sind in die Psychiatrie gekommen.

Ich bin abgelehnter Asylbewerber und besitze eine Duldung, deren Verlängerung ich alle drei Monate beantragen muss. Im engeren Sinn ist es kein Aufenthalt, sondern eine Abschiebeaussetzung. Bis jemand abgeschoben wird, erhält er eine Duldung. Natürlich sind wir dankbar für den Schutz und die Hilfe, die wir hier als Asylsuchende erhalten haben, aber es könnte besser sein. Körperlich geht es uns nicht so schlecht, relativ, aber seelisch macht man uns kaputt, total fertig, in dem man uns zur Untätigkeit verdammt.
Wir dürfen nichts machen. Es steht wortwörtlich in unserem Ausweis: Wir dürfen nicht arbeiten und nicht studieren. Ein Sprachkurs ist offiziell nicht erlaubt, und das Geld reicht nicht dafür. Wir bekommen zum Leben nur ein bisschen Essen, das wir mit der Infracard einkaufen müssen und achtzig DM Taschengeld. Ein normaler Alltagseinkauf ist mit dieser Karte nicht möglich, sondern immer verbunden mit Diskriminierung, bösen Blicken, extra Kassen oder festgesetzten Einkaufszeiten in ausgewiesenen Geschäften. Wir leben unter dem für deutsche Bürger normalen Existenzminimum. Achtzig DM Taschengeld und sonst gar kein Geld in bar. Damit kann man nichts machen, nicht Kaffee trinken oder so etwas. Eine Fahrkarte bekommen wir auch nicht mit der Begründung „Wo willst Du denn hingehen?“
Unser Leben im Heim ist sehr eingeschränkt. In einem engen Raum leben ca. sechs vollkommen verschiedene Personen zusammen, mit einem anderen Charakter und anderen Gewohnheiten. Wir kennen uns vorher nicht und stammen meistens aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Das schafft Probleme. Eine gesundheitliche Versorgung ist gesetzlich zwar vorgeschrieben, aber nicht immer wird ein Krankenschein ausgehändigt.
Auf Dauer machen diese Erlebnisse krank. Es ist, als wenn auf einen Stein über längere Zeit Wasser tropft, dann wird dieser Stein - egal wie stark der Stein ist - so langsam von diesem kleinen Tropfen Wasser zerstört. Genauso ist das auch mit unserem Leben.
Diese dauernde Problematik macht uns depressiv, perspektivlos, zukunftsängstlich und krank. Es ist wirklich schlimm, und Viele überleben es nicht.

Tidjane
Im Oktober 1998 bin ich in Bremen angekommen und habe einen Asylantrag gestellt, da in meinem Herkunftsland, Guinea Bissão, Bürgerkrieg herrscht und ich dort nicht mehr bleiben konnte. Nach zwei Tagen in Bremen wurde ich nach Chemnitz geschickt, für zwei Wochen, danach ging die Odyssee weiter über Kolm in Sachsen, Zittau über Pirna bis nach Berlin – es ist so, dass ich in den letzten Jahren an sechs Orten, in Flüchtlingsheimen und anderen Unterkünften gelebt habe und nie mehr als ein Jahr an einem Ort bleiben konnte. Während der ganzen Zeit war mein Aufenthaltsstatus unsicher, zuerst war ich Asylbewerber, dann bekam ich eine Ausreiseaufforderung und hatte dann zeitweise gar keinen Status, jetzt habe ich eine Duldung, da ich in psychotherapeutischer Behandlung im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin bin. Ziemlich schnell verliert man das Vertrauen in die Menschen hier. Nach den ersten Erfahrungen in der BRD konnte ich mir nicht vorstellen, mit irgendwelchen Deutschen an einem Tisch zu sitzen und mich mit ihnen zu unterhalten. Man denkt, sie sind „schlimme Menschen“, da man nur Kontakt hat mit Deutschen, die kontrollieren, verbieten, zuteilen und bewachen.
Im Sommer 1999 habe ich in Zittau zusammen mit anderen Leuten aus dem Heim und „The Voice“ eine Demonstration gegen die unwürdigen Bedingungen (isolierte Lage, marode Sanitäranlagen, abgelaufenes Essen usw.) im Heim organisiert. Das Heim wurde dann geschlossen. Weil ich in der Presse bekannt war, dreimal von Nazis geschlagen worden war und Angst vor weiteren Übergriffen hatte, ging ich in ein anderes Heim.
Dort wurde zuallererst mein Pass konfisziert später auch mein Taschengeld. Das Heim ist dreizehn Km entfernt von der nächsten großen Stadt, und der Bus fährt nur zweimal am Tag. Der kostet etwa acht Mark hin und zurück. In dem Wohnheim sind wir so etwa zweihundert, mit Familien. Einige lebten da schon zehn Jahre. In diesem Heim war es verboten, zu kochen und alle mussten das Essen aus der Kantine essen, abends hatte man die Auswahl zwischen einem Liter Mineralwasser und dem Abendbrot. Schon in Zittau hatte ich oft Magenbeschwerden und ich hatte mich krank gemeldet, erst zwei Monate später bekam ich einen Arzttermin, dieser Arzt hat aber nichts gefunden. Erst nach längerer Zeit von Magenschmerzen hat ein unabhängiger Arzt mit einer Gastroskopie eine Gastritis diagnostiziert, in Pirna musste ich dennoch dreimal am Tag essen, kleine Mahlzeiten waren unmöglich.

Danach kam die Zeit, in der ich „illegal“ war. Das ist schlimmer als im Knast zu sein, denn im Knast weiß man, dass man da wieder rauskommt, der andere Zustand allerdings ist unbefristet. Es ist wie ein Leben ohne Kopf, man kann nichts planen und mit nichts rechnen. Man kann sich mit niemandem treffen, keine Ausbildung machen – man weiß nicht mehr, wer man ist. Du existierst nicht mehr, weil du nicht sein darfst. Wenn man Freunde besucht und da einen schönen Abend hatte, ist jedes gute Gefühl verschwunden, sobald man die Polizei sieht. Hier hast du nur Angst. Während der Zeit in der Illegalität habe ich elf Kg abgenommen. Ich konnte zeitweise gar nicht mehr auf die Straße gehen, niemanden sehen, mit niemandem sprechen, nichts essen, nur Wasser aus dem Wasserhahn trinken. Ich konnte auch nicht mehr schlafen und hatte Alpträume. Viele von uns sind auch so gestorben oder haben Selbstmord verübt.

Angela
Als ich mein Land verlassen habe, hatte ich große Illusionen, wie es sein würde, neue Horizonte zu erfahren, ein Leben voll schlechter Erinnerungen und den großen Schmerz über meine zurückgelassenen Lieben hinter mir zu lassen. Als ich in Berlin ankam, fühlte ich mich wie „Alice im Wunderland“, denn alles war anders, eine andere Kultur und eine ganz fremde Sprache. Den ersten Schreck bekam ich, als ich Arbeit suchte und man mich fragte: Haben Sie Papiere? Welchen Status haben Sie? Sprechen Sie Deutsch?
Das waren Fragen, die ich nicht verstand. Tag für Tag wanderte ich von einem Ort zum anderen, schlief manchmal in der U-Bahn und kannte niemanden. Die Situation wurde jeden Tag schlechter und das wenige Geld, das ich hatte, ging zu Ende. Eines Abends saß ich auf dem U-Bahnhof „Pankow“, müde und hungrig und musste mit den Tränen kämpfen. Da sprach mich ein Deutscher an, der genauso wenig Spanisch sprach wie ich Deutsch, aber mit meinem kleinen Taschenlexikon verständigten wir uns etwas. Er nahm mich mit nach Hause und sagte, ich solle die Wohnung putzen, dann würde er mich bezahlen. Als wir eintraten bemerkte ich, dass er die Tür hinter uns zuschloss und den Schlüssel in seine Hosentasche steckte. Ich begann zu arbeiten. Ich arbeitete fünf Stunden lang, denn die Wohnung war ein Desaster. Als ich mit der Arbeit fertig war, redete er auf mich ein, versuchte mich zu umarmen und zu küssen. Ich begriff seine schlechten Absichten und sagte, ich wolle kein Geld, ich wolle nur gehen. Am Ende gelang es mir zu flüchten und ich rannte aus dem Haus und auf die Straße ohne auf ein Taxi zu achten, das mich anfuhr. Ich stürzte zu Boden, der Taxifahrer erschreckte sich sehr und wollte mich in ein Krankenhaus bringen. Ich hatte jedoch Angst und wollte nicht ins Krankenhaus, obwohl ich einen Schock hatte, Schmerzen spürte und kaum atmen konnte.
Der Taxifahrer machte mich dann mit einer Frau bekannt, die mir Arbeit in ihrem Restaurant anbot. Ich begann morgens um sechs das Restaurant zu putzen, danach musste ich auf ihre zwei Kinder aufpassen und alles in ihrem Haushalt regeln. Sie bot mir 500 DM im Monat an, aber am Ende bekam ich nur 300 DM. Es hieß immer wieder, nächsten Monat zahle sie den Rest, aber es vergingen einige Monate und am Ende wollte sie mir gar nichts mehr bezahlen.

Mit der Zeit bekam ich Arbeit in verschiedenen privaten Häusern und in einem anderen Restaurant, in dem ich bis spät abends Geschirr abwusch. Eines Abends kam eine Polizeikontrolle als ich gerade im Keller die Gefrierschränke putzte. Ich hatte solche Angst, dass ich mich kurzerhand in einem der Gefrierschränke versteckte. Die Eigentümerin des Restaurants ahnte, wo ich mich versteckt hatte und ließ mich wieder heraus, nachdem die Polizei gegangen war. Ich weiß nicht, ob es wegen der Angst war oder wegen der Kälte, aber eine halbe Stunde lang war ich ganz verstört und konnte nicht sprechen. Seitdem hatte ich Panikattacken, wenn ich irgendwo Polizei sah, sei es auf der Straße, in der U-Bahn oder anderswo.
Mit der Zeit bekam ich Beschwerden. Ich hatte Schmerzen in der Brust und konnte schlecht atmen. Die Beschwerden kamen und gingen, aber eines Morgens konnte ich nicht aufstehen, ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen und meinte zu ersticken. Ich hatte die Adresse des Büros im Mehringhof und sammelte meine Kräfte, um dort Hilfe zu suchen. Unterwegs ging es mir sehr schlecht, ich meinte schon, ich müsse auf der Straße sterben, denn der Schmerz wurde immer schlimmer und ich konnte nicht atmen. Dort im Büro kümmerte man sich um mich und sie wollten mich in ein Krankenhaus bringen, aber meine Angst war so groß, ich hatte Panik, man würde mich dort nach Papieren fragen, dass ich mich weigerte ins Krankenhaus zu gehen. Aber eine der Frauen dort, sprach mir Mut zu. Sie sagte, ich solle keine Angst haben, sie würde mit mir gehen und mich nicht alleine lassen. Es schien mir wie ein Wunder, diese beruhigenden Worte zu hören und dann auch noch auf Spanisch! Sie brachte mich in die Ambulanz eines Krankenhauses. Da mein Fall aber etwas kompliziert war, musste ich dort einige Tage stationär bleiben. Da ich keine Krankenversicherung hatte, sprach die Frau vom Büro, die mich begleitete, mit dem behandelnden Stationsarzt, um eine Lösung zu finden. Es war wichtig für mich zu wissen, dass mein Name nicht an die Ausländerbehörde weitergeleitet werden würde.

Auch nach der Entlassung musste ich unter medizinischer Kontrolle bleiben, täglich Medikamente nehmen und zum Blutabnehmen wiederkommen. Mit der Zeit ging es mir besser und das Wissen, dass meine Tochter zu mir kommen würde, half mir sehr. Sie hatte ein Visum bekommen, um hier zu studieren. Ich hätte es nie riskiert, meine Tochter hier unter illegalen Bedingungen herzuholen. Denn keine Papiere zu haben, ohne Status zu leben und ohne Arbeitserlaubnis bedeutet unter einem Alpdruck zu leben, das Risiko krank zu werden, versteckt zu leben in einer Welt ohne die Möglichkeit, die Menschenrechte in Anspruch zu nehmen, ausgebeutet zu sein von der Schwarzarbeit. All das bewirkt den großen Stress, den man nicht kontrollieren kann. Wenn man keine Hilfe hat, wird man eine lebendige Tote.

Bedingungen psychotherapeutischer Intervention bei ungeklärtem Aufenthalt (1)
Prämisse jeglicher psychotherapeutischer Intervention ist das Wissen darum, wie sich der fehlende Aufenthaltsstatus auf die gesamte Lebenssituation auswirkt. Das schlimmste Leiden ist die Armut durch die Illegalität. Zweite Voraussetzung ist das Wissen um den alltäglichen Rassismus von Mitbürger/innen und den Rassismus bei Kontrollen durch die Polizei oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Diejenigen Menschen, die nicht in das fiktive Muster der „Normaldeutschen“ fallen, werden viel häufiger und schärfer kontrolliert. Ein ganz wichtiger Schutz ist, so „normal deutsch“ wie möglich auszusehen, sich unauffällig, „gut“ zu kleiden. Weitere belastende Faktoren beziehen sich auf die soziale Interaktion und Unterstützung.
Vielen der Migrant/innen fehlt es neben sprachlichen Kenntnissen an sozialer Kompetenz, beispielsweise sich in einer Stadt wie Berlin zu orientieren und den Stadtplan zu lesen.

Ein anderer Faktor ist der starke Druck von Seiten der Familie, die im Herkunftsland bleibt und auf Geldsendungen wartet. Selten emigriert die ganze Familie, sondern meistens nur eine oder zwei Angehörige. Migrant/innen müssen also nicht nur für sich selber sorgen, sondern auch für die Familie und für die Kinder. Das ruft die Unfähigkeit hervor, von den realen Lebens- und Arbeitsbedingungen hier zu erzählen: Dass es hier nicht das erwartete Paradies ist, sondern oft bedrohend, ungerecht und unwürdig. So kann eine Migrantin nicht erzählen, dass sie hier trotz akademischem Abschluss als Putzfrau arbeitet, und trotzdem dreimal so viel verdient wie im Herkunftsland.
Neben den familiären Erwartungen spielen auch diejenigen der Communities eine große Rolle. Das sind primär unterstützende Strukturen, aber gleichzeitig auch unfreiwillige Strukturen, da es häufig allein auf Grund der Sprachprobleme keine anderen Kontaktmöglichkeiten gibt, oder ganz klare Abhängigkeiten, wenn die Migration über die Community ermöglicht wurde. Zudem kann über diese Strukturen starke soziale Kontrolle ausgeübt werden, so können im Herkunftsort beispielsweise Gerüchte über den Lebenswandel gestreut werden.
Es gibt auch die Probleme in der Ehe mit Deutschen oder spezifische Unterstützungs-angebote, die bestimmte Anpassungserwartungen beinhalten. Bei der interkulturellen Frauenarbeit zeigt sich, dass die Heirat mit einem deutschen Mann oft keine Lösung der Probleme darstellt. Oft handelt es sich um Männer, die am Rande der Gesellschaft leben, die keinen Freundeskreis haben, die eine Suchtproblematik haben oder arbeitslos sind. Die Heirat bietet so auch keine Möglichkeit der Integration. Dazu kommen oft Probleme der häuslichen Gewalt in der Ehe. Auch gutgemeinte Hilfsangebote sind oft an die Übernahme bestimmter Wertvorstellungen gebunden, z.B. wird einer Frau eine Wohnung angeboten, aber nur, wenn diese ihren machistischen Partner verlässt.

Vorgehen in der Therapie (Therapeutische Grundhaltung und einige Therapieziele):
Grundlegende Haltung bei Arbeit mit Migrant/innen ist die Bereitschaft, sich belehren zu lassen, da die Migrant/innen selbst Spezialist/innen für ihr Herkunftsland sind. Kulturspezifische Kenntnisse, Sprachkenntnisse bzw. muttersprachliche Therapieangebote sind zwar sehr wichtig, aber die Klient/innen müssen vor allem die Möglichkeit haben, Missverständnisse aufzuklären. Nach ein bis zwei Beratungsgesprächen, entscheiden sich die Klientinnen für oder gegen eine Therapie, die dann meist nach ca. zehn Sitzungen beendet ist. Kennzeichnend ist zudem die enge Zusammenarbeit zwischen der Psychotherapeutin und der Sozialarbeiterin bei S.U.S.I. Die Therapiekosten betragen für diejenigen, die es zahlen können, zwanzig DM pro Monat.
Psychotherapie wird als stützende Therapie (nicht aufdeckende, aufarbeitende) verstanden. So bietet die Therapie Schuldentlastung und Unterstützung bei der Entwicklung von Autonomie und damit die Möglichkeit, beispielsweise dem Druck der Familie, der Community, des Arbeitgebers zu widerstehen und eigene Positionen finden zu können und auch schildern zu können, wie die Lebensbedingungen hier sind. Häufigstes Beschwerdebild sind Angstzustände und Phobien. Somatisierungen, das heißt die Entwicklung einer körperlichen Symptomatik ohne klare organische Ursache, wie Rückenschmerzen, Hautprobleme und Magenbeschwerden sind neben Angst-störungen häufig. Angst und Misstrauen sind zudem Grundgefühle im Alltag. So gestaltet sich der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung noch schwerer als sonst. Neben der Überwindung des üblichen Misstrauens muss das Vertrauen aufgebaut werden, dass in der Beratungsstelle niemand z.B. die Ausländerbehörde kontaktiert.
Die „Angst mit Realitätsbezug“ verwischt mit dem, was als „paranoid“, „phobisch“ bezeichnet werden würde. Phobien (Ängste vor bestimmten Situationen, Objekten) können auch als Kontrolle der Angst gesehen werden. So entwickelt sich eine Angst vor Hunden, die zur Vermeidung von Hunden durch die Phobie führt, generalisiert führt das dann zur Vermeidung des Verlassen des Hauses – was auch einen realen Schutz vor Kontrollen durch die Polizei darstellt. Selten kommt es zur psychischen Dekompensation.
So ist die Fähigkeit, zu überleben, unglaublich groß, und die Menschen ertragen Belastungen, von denen angenommen wird, sie wären nicht auszuhalten. (Eine These lautet, dass die Menschen diejenigen Störungen bekommen, die sie sich „leisten“ können.)

Die Kontinuität in der Psychotherapie ist schwer einzuhalten, oft fehlt sogar das Geld für die U-Bahnfahrt bzw. von Arbeitgeber/innen wird bei Fehlen gesicherter Arbeitszeiten äußerste Flexibilität verlangt.
Die belastende Beziehung zur Familie spielt eine große Rolle bei der therapeutischen Intervention. Meist ist es kein Zufall, dass ausgerechnet ein bestimmtes Familienmitglied das Land verlässt, so erscheint ein hoher Prozentsatz an Frauen, die familiärer Gewalt ausgesetzt waren (wie einer Vergewaltigung durch den Vater) oder im Herkunftsland zur Prostitution gezwungen wurden. Auch in der Familie wurde Ausbeutung erfahren, viele der Frauen mussten ab dem achten Lebensjahr arbeiten, haben eine sehr belastete, angsterregende Beziehung zu den Eltern. Allerdings ist die familiäre Situation nie ein bewusster Grund, das Land zu verlassen, stellt aber meist aber einen Grund unter anderen für die Migration dar.
Orte wie S.U.S.I. oder das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe stellen Ressourcen dar. Als Orte, „wo man mal etwas für sich tun kann“. Beispielsweise wären in ihren Herkunftsländern für viele Frauen eine Therapie oder auch andere medizinische Leistungen unbezahlbar (so ist auch der Schwangerschaftsabbruch hier ohne Gefahr). SUSI liegt eine Liste von Therapeuten und Therapeutinnen vor, die ebenso Leute ohne Status behandeln bzw. muttersprachliche Angebote machen.
Eine berlinweite Versorgung mit psychotherapeutisch qualifiziertem Angebot für Migrant/innen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus würde die Situation der wenigen vorhandenen Beratungsstellen erheblich verbessern. Zudem besteht ein Bedarf an Kursen über Verhütungsmöglichkeiten für Frauen und an mehr Angeboten der Psychotherapie für Männer

Diskussion
Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus sind einer doppelten Belastung oder auch einer doppelte Traumatisierung ausgesetzt: Auf der einen Seite durch die Migrationserfahrung, auf der anderen Seite durch die Belastung hier. In Bezug zur Leitfrage des Kongresses „Netzwerke für Menschen in schwierigen Lebenssituationen“ muss festgestellt werden, dass es keine Netzwerke gibt. Es gibt das eine oder andere Inselchen, wie S.U.S.I. oder kleine Hilfsgruppen. Diese sind teilweise vernetzt, bilden aber sicherlich kein tragendes Netzwerk. Und diese Anlaufstellen sind in einer paradoxen Situation. Für ihre Arbeit könnten sie nach § 92 AuslG sogar bestraft werden. Jedoch müssen auch staatliche Stellen, wie Gesundheitsämter oder die Ausländerbeauftragte, die Problematik anerkennen und mangels anderer Hilfsmöglichkeiten auf unabhängige Unterstützergruppen, wie das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe, verweisen. Die BRD hat zwar die UN-Menschenrechtskommission unterschrieben, die die Forderung beinhaltet, dass jedem Menschen, der im Land lebt, die bestmögliche Gesundheitsversorgung zukommen muss, es werden jedoch von staatlicher Seite keine Anstrengungen unternommen, diesen Anspruch umzusetzen.

Kann es in der jetzigen Situation ein Ziel sein, ein größeres Angebot an psychotherapeutischer Betreuung zu fordern? Im Einzelfall ist eine gezielte psychotherapeutische Unterstützung sehr hilfreich, die Forderung nach Ausweitung des Angebotes stellt aber keine Lösungsmöglichkeit dar. Wenn die Lebensbedingungen so unsicher und nicht verlässlich sind, erschwert dies eine psychotherapeutische Behandlung enorm. Es muss also darum gehen, die Lebensbedingungen zu verbessern.
Die Verankerung transkultureller Ansätze in der Psychotherapie ist wünschenswert. Mit Blick auf die Realität muss jedoch festgehalten werden, dass die Menschen, die hier ohne oder mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus leben, gar keinen durchsetzbaren Anspruch auf gesundheitliche Versorgung haben. Es muss hier also zunächst um die Sicherstellung der Versorgung überhaupt gehen, bevor an Qualitätsverbesserungen gearbeitet werden kann.

In Zusammenhang mit dem geplanten Zuwanderungsgesetz ist auf Grund der Abschaffung der Duldung und der Einrichtung von Ausreisezentren eine Verschärfung der Problematik zu befürchten. Die Grünen verbuchen zwar die Anerkennung der nichtstaatlichen Verfolgung als Erfolg, dies betrifft jedoch nur einen kleinen Teil der Flüchtlinge. Etwa fünf Prozent der Menschen, die hier mit Duldung leben, fallen unter „nichtstaatliche“ Verfolgung. Der ganze Rest hat eine Duldung auf Grund tatsächlicher Abschiebehindernisse. Tatsächliche Abschiebehindernisse sind z.B. Krankheit, Behinderung oder das Fehlen von Reisedokumenten. Anstatt eine Duldung werden diese Flüchtlinge zukünftig nur noch eine Bescheinigung über die momentan nicht durchführbare Abschiebung erhalten, die mit noch größerer sozialen Entrechtung einhergehen wird als die bisherige Duldung. Zudem könnten sie durch die Einweisung in sog. Ausreisezentren zur „freiwilligen“ Ausreise oder zum Untertauchen gedrängt werden, wenn ihre Abschiebung nicht durchführbar ist. Das Problem des ungeklärten Aufenthaltsstatus und der Illegalität wird mit Sicherheit zunehmen.

(Literatur bei den Autorinnen)

Anhang
(1) Die hier getroffenen Aussagen beziehen sich auf Erfahrungen mit psychotherapeutischen Angeboten und Beratungen im interkulturellen Frauenzentrum S.U.S.I. in Berlin


Zuletzt aktualisiert am 05.10.2004  | Autor: Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V.  | Nutzungshinweise, Haftungsausschluss