AIDS und Armut
Gesammelte Beiträge vom 8. Kongress Armut und Gesundheit 2002
Fr. 14:15 - 15:45 Uhr:
Orte der Armutsprävention bei Menschen mit HIV und AIDS
Robert Kliem, zik gGmbH, Berlin
zik: Gemeinnütziges Wohnprojekt für Menschen mit HIV und AIDS
Seit über 12 Jahren können sich Menschen mit HIV und AIDS an die ZIK gGmbH wenden, wenn sie ein Wohnungs- oder Betreuungsproblem haben. Es hat sich als Tatsache erwiesen, dass eine adäquate Versorgung und vor allem auch eine Pflege in der häuslichen Umgebung nur in entsprechend ausgestattetem Wohnraum möglich ist. Hinzu kommt, dass schwer, chronisch kranke Menschen sich in der Regel die meiste Zeit in ihrer Wohnung aufhalten, was die Bedeutung von "gutem Wohnraum" verstärkt. Es hat sich darüber hinaus gezeigt, dass über die Wohnraumversorgung, es unterschiedlichste Bedarfe nach Unterstützung und Betreuung gibt. Diese Betreuungsformen anzubieten und entsprechende Betreuungskonzepte umzusetzen hat sich die ZIK gGmbH zur Aufgabe gemacht. Anhand der ständig steigenden Nachfragen und Bewerbungen (im Jahre 2001 weit über 500) wird deutlich, dass der Bedarf längst nicht abgedeckt ist und die Angebote erhalten bzw. entsprechend den Bedürfnissen der Betroffenen weiter ausgebaut werden müssen. Was gibt es Neues?Die Fragestellungen und Problematiken von Menschen mit HIV und AIDS haben sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Bei sehr vielen stellt sich die Frage nach einer sinnvollen Beschäftigung und Tagesstruktuierung. Es muß weiterhin festgestellt werden, dass der Anteil der Menschen mit HIV und AIDS, die am Rande des Existenzminimums (Sozialhilfe) leben weiter zunimmt. Es stellt sich immer wieder die Frage nach einer guten Gesundheitsvor- und fürsorge bei nur sehr begrenzt zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Aufgrund der längeren Überlebenszeiten ergeben sich immer wieder Versorgungslücken, die derzeit am Mangel von Pflegeeinrichtungen für jüngere Pflegebedürftige und das Fehlen entsprechenden Krankenwohnung für den von uns zu betreuenden Personenkreis deutlich wird.Was hat sich bewährt und sollte verbreitet werden?Bewährt hat sich bei der ZIK die unterschiedlichen Angebotsstruktur der einzelnen Wohnprojekte und die abgestuften Hilfesysteme. Kein noch so hoch betreutes Wohnprojekt bedeutet eine Endstation. Es ist vielmehr in fast allen Fällen möglich, wieder in eine eigene Wohnung umzuziehen. Die Angebote sollten nach Möglichkeit auch Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen zugänglich gemacht werden (chronische Hepatithis C).Was sollte nicht mehr passieren?Diese Frage hängt eng mit den bereits vorgenommen und geplanten Kürzungen im Sozialbereich zusammen. Erfolge der vergangenen Jahre werden durch die restriktive Handhabung der Ausführungsvorschriften und gesetzlichen Bestimmungen gefährdet und teilweise zunichte gemacht.
Antje Gösswald, Wolfgang Werner, SUB/WAY Berlin e.V.
SUB/WAY: Projekt für Jungs, die unterwegs sind und anschaffen
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von SUB/WAY berlin sind als Streetworker in der Szene unterwegs, bieten den geschützten Raum einer Anlaufstelle und machen Einzelfallhilfe. Für Migranten, die sich in Berlin aufhalten und Jungs, die keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben, ist SUB/WAY berlin meist die einzige Brücke zum Gesundheitssystem und fast immer 'Familienersatz'. Sie suchen in der Regel keine Ärzte auf, auch bei starken Schmerzen nicht. Zurzeit arbeiten deshalb zwei Ärztinnen vor Ort in einem Gesundheitsmobil und in der Anlaufstelle (7 Stunden pro Woche). In diesen Ambulanzen stehen STIs im Vordergrund der Untersuchungen. Die kostenlose und anonyme Impfung gegen Hepatitis A und B ist möglich. Weitergehende Untersuchungen oder Behandlungen konnten durch die gute Zusammenarbeit mit freien Trägern, einzelnen Arztpraxen und Gesundheitsämtern erfolgen - in einigen Fällen setzten wir Spendenmittel oder Zuwendungen von Stiftungen ein.Das Leben auf dem Strich, vor allem als Migrant oder Obdachloser, macht krank. Wie viele der Jungs mit HIV und Aids leben, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass das Leben als obdach- oder wohnungsloser Junge besondere Gefahren in Bezug auf die gesamte Gesundheit mit sich bringt. Je später der Abend, desto ‚aids-bereiter' sind die Jungs, die gezwungen sind, für eine Übernachtung unsafen Sex zu machen und Freier in Kauf zu nehmen, mit denen sie sonst nie mit gehen würden. Erst wenn ein Junge nicht mehr von Freiern abhängig ist, kann er beginnen, ein selbstbewusstes Leben ohne Zwang zur Prostitution zu planen (incl. sexueller Orientierung, Ausbildung, Beruf etc.).
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Antje Conrady, Hydra e.V., Berlin
Hydra: Treffpunkt und Beratung für Prostituierte
Die europäischen Staaten sind momentan dabei, verschiedene politische Zielsetzungen für SexarbeiterInnen zu überarbeiten. In den Niederlanden und Deutschland wurde die Prostitution legalisiert. In Schweden, Großbritannien und Irland stehen im Unterschied dazu die Freier und die Betriebe im Mittelpunkt der behördlichen Interessen. In Griechenland wurde die Prostitution legalisiert, dennoch gibt es eine Registrierung und die damit verbundenen Pflichtuntersuchungen. Die unterschiedlichen politischen Strategien haben Auswirkungen auf die gesundheitliche Situation von Prostituierten und ihren PartnerInnen.In Deutschland ist am 1.1.2002 das Prostitutionsgesetz (ProstG) in Kraft getreten, das erstmalig Sexarbeit als eine Erwerbsarbeit anerkennt. Ausserdem ist das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten von 1953 abgeschafft worden und durch das neu inkraftgetretene Infektionsschutzgesetz wurden Pflichtuntersuchungen durch freiwillige Gesundheitsangebote ersetzt. HIV ist eine sexuell übertragbare Krankheit und häufig wird angenommen, dass Prostituierte einem größeren Infektionsrisiko ausgesetzt sind, da sie viele Sexualpartner haben. In den meisten europäischen Ländern ist diese Ansicht nach wie vor weit verbreitet, trotz zahlreicher Untersuchungen, die dies widerlegen.Kontrollierende Staatssysteme behindern jedoch häufig die Gesundheitsförderung, da Pflichtuntersuchungen meistens dazu führen, dass Frauen die Registrierung umgehen und dadurch nur noch eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem haben.Schätzungsweise sind 50 % der in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen migriert. Die Herkunft der Sexarbeiterin (EU, zukünftige EU, Nicht-EU ) und ob sie sich im Besitz eines Aufenthaltstitels befindet spielt eine große Rolle auf ihre Möglichkeiten hier legal in der Prostitution zu arbeiten und dadurch auch eine soziale und gesundheitliche Versorgung in Anspruch nehmen zu können.Das Prostitutionsgesetz ermöglicht erstmalig Arbeitsverträge und somit sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse in der Prostitution und die damit verbundenen Ansprüche auf Arbeitslosengeld, Umschulung etc. Bislang blieb den meisten Frauen, die eine neue berufliche Perspektive entwickeln wollten, nichts anderes übrig, als zunächst einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen. Wir hoffen, dass die neuen gesetzlichen Regelungen, die sich aus der Umsetzung des Hartz-Konzeptes ergeben, die Möglichkeiten sich zu qualifizieren und die Chancen einen Arbeitsplatz zu finden auch für diesen Personenkreis erweitern und nicht durch neue Reglementierungen diskriminieren. Auch das Recht auf Sozialhilfe sollte nicht eingeschränkt werden.
Moderation:Marcel de Groot, Schwulenberatung, Berlin
Michael Krone, zukunft positiv, Berlin
Fr. 16:15 - 17.45 Uhr:
Strategien der Armutsprävention und -bekämpfung bei HIV und AIDS
Ulrich Heide, DAS, Bonn
Die Arbeit der Deutschen AIDS-Stiftung (DAS)
Die Deutsche AIDS-Stiftung hat seit ihrer Gründung vor 15 Jahren gut 44.000 mal finanzielle Unterstützung für Menschen mit HIV und AIDS leisten müssen. Die sog. Einzelfallhilfen der Stiftung sind für die Mehrzahl der Begünstigten eine Ergänzung der Sozialhilfe, die die zentrale Einkommensquelle bildet. Denn AIDS trifft vor allem junge Menschen: So alt, dass sie die Herkunftsfamilien verlassen haben, aber zu jung für eine eigene finanzielle Absicherung. So bleibt vielen von ihnen nur die Sozialhilfe. Mehr als die Hälfte der an AIDS erkrankten Menschen in Deutschland hat die Hilfe der AIDS-Stiftung in Anspruch nehmen müssen, oft wiederholt: Ein Beleg für Lücken im Sicherungssystem. Trotzdem ist AIDS nicht nur eine Krankheit der Armen. Gerade die epidemiologische Entwicklung in Mitteleuropa macht dies deutlich. AIDS wurde aber für etliche Erkrankte zu einer Krankheit, die arm macht.Durch geplante Änderungen am System der sozialen Sicherung könnte sich diese Tendenz noch verstärken. Die Diskussion konzentriert sich auf arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger. Was aber ist mit denen, die krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten können?Beispiele aus jüngster Zeit zeigen, dass Patienteninteressen im Prozess der Umgestaltung der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland kein oder wenig Gehör finden. Bedarfsabhängige Ergänzungen des Sozialhilfe-Regelsatzes wie einmalige Hilfen (z.B. für einen notwendigen Umzug) und Mehrbedarfszuschläge für die krankheitsbedingt aufwendigere Ernährung und einen erhöhten Hygieneaufwand geraten unter Druck. Mittelfristig sind reale Einkommensverluste gerade für kranke Menschen zu befürchten. Hierfür steht u.a., dass das künftige "Arbeitslosengeld II" über dem Niveau der Sozialhilfe liegen soll. Dies wirft die Frage auf, warum erwerbsfähige Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger mehr Geld erhalten sollen als kranke? Beitrag: siehe unter den Download Dateien
Sonja Weinreich, German Institute for Medical Mission, Tübingen
HIV/AIDS und Armut - in Deutschland und in Afrika
Weltweit ist HIV/AIDS mit Armut verbunden: es betrifft überproportional die Menschen in den armen Ländern und die ärmeren Bevölkerungsgruppen in den reichen, industrialisierten Ländern. Afrika südlich der Sahara ist die global am stärksten von der HIV/AIDS Epidemie betroffene Region, wo mit mehr als 28 Millionen Menschen mehr als zwei Drittel aller weltweit HIV infizierten Menschen leben. In Afrika ist die hohe Zahl der HIV-Infektionen und AIDS-bedingten Todesfälle eng mit der Armut verbunden. Armut fördert die Ausbreitung von HIV und verstärkt die Auswirkungen auf Individuen, Gemeinden und Gesellschaften. In einem Circulus vitiosus werden Menschen und Gesellschaften, die in Armut leben, durch die Auswirkungen von HIV/AIDS noch weiter verarmt, wodurch sie schließlich ein höheres Risiko für HIV-Infektion haben. Prävention (Vorbeugung der HIV-Infektion) ist durch die Armut wesentlich eingeschränkt, da Armut auch eingeschränkten Zugang zu Information über HIV/AIDS und den Optionen zu Verhaltensänderung bedeutet.Auch in Deutschland ist Armut und Marginalisierung ein bestimmender Faktor in der Betroffenheit durch HIV-Infektion. Die Zahl der HIV infizierten Menschen, die aus armen Ländern kommen, nimmt zu, hier ist jedoch immer häufiger der Zugang zu antiretroviraler Therapie nicht mehr garantiert. Die ansteigende HIV-Prävalenz bei Frauen ist mitbedingt durch unzureichende Information über HIV. Menschenrechtsverletzungen, wie Diskriminierung, bei Menschen mit Drogenabhängigkeiten und Homosexuellen erschweren HIV-Prävention. Schließlich erfahren HIV positive Menschen Stigma und Ausgrenzung, wie es in Afrika auch besteht. Armutsbekämpfung, die auch Menschenrechtsverletzungen und Stigmatisierung reduziert, hat in Deutschland daher ähnliche Bedeutung für die AIDS-Bekämpfung wie sie es in Afrika hat.Armut und AIDS-Ausbreitung in Afrika sind auch bedingt durch Reichtum in Deutschland. In Afrika haben weniger als 1% der Betroffenen Zugang zu lebensverlängernden antiretroviralen Medikamenten. Dieser mangelnde Zugang, der wesentlich durch hohe Preise für die Medikamente mitverursacht ist, ist mitverantwortlich für den frühzeitigen Tod bei HIV-Infektion. Die globale Ungleichverteilung der Ressourcen, verursacht auch durch unfairen Welthandel und die Schuldenkrise, erschwert eine adäquate AIDS-Bekämpfung der armen Länder. Hier setzt sich auf globaler Ebene der neugeschaffene Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria dafür ein, dass globale Verantwortung in der HIV-Bekämpfung von den reichen Ländern, wie der Bundesrepublik Deutschland, wahrgenommen wird, die das bisher nur sehr unzureichend getan haben. Advocacy wird auch in Deutschland gemacht: das Aktionsbündnis gegen AIDS (AIDS Kampagne) arbeitet dafür, dass zusätzliche Mittel für die weltweite AIDS-Prävention und -Behandlung durch die Bundesregierung bereitgestellt und die Kosten für die lebenswichtigen Medikamente durch die Pharmaindustrie reduziert werden.
Moderation:Klaus Jansen, Freie Universität Berlin
Matthias Wienold, Universität Bielefeld
Zuletzt aktualisiert am 17.02.2006 21:15:36 | Autor: Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. | Nutzungshinweise, Haftungsausschluss










