Arbeitszwang ist ungesund – die gesündere Sozialreform wäre das bedingungslose Grundeinkommen
Robert Ulmer
A. Sozialreformen verstärken den Druck auf Erwerbslose und Beschäftigte
Üblicherweise wird bei der Erforschung des Zusammenhanges Armut-Arbeit-Gesundheit angenommen, dass nicht Arbeit, sondern Arbeitslosigkeit das besondere Gesundheitsrisiko darstellt. Spezifische, in der Arbeitslosigkeit auftretende krank machende Faktoren sind
• der unstrukturierte Tagesablauf,
• Verwahrlosung,
• Armut und Existenzangst,
• das Fehlen sozialer Kontakte,
• die Kränkung durch abgelehnte Bewerbungen sowie
• Fatalismus und Depression.
Dies alles trifft häufig zu. Unzulässig ist jedoch der Umkehrschluss: Wenn Arbeitslosigkeit krank macht, dann macht Arbeit gesund, dann ist Arbeit die beste Medizin.
Zu betrachten ist die aktuelle Situation:
1. Die Sozialreformen verstärken den Druck auf Erwerbslose, die in immer unattraktivere und immer schlechter bezahlte Jobs getrieben werden. Jede Arbeit ist zumutbar. Arbeitslose, die nicht zumindest den Versuch der Überwindung ihrer Arbeitslosigkeit nachweisen können, die also nicht die frustrierende und mühevolle Arbeit der unentwegten Arbeitsuche auf sich nehmen, werden mit Kürzung bis hin zum Entzug des lebensnotwendigen Sozialeinkommens bestraft.
2. In dem Maße, in dem die Arbeitslosigkeit immer gefährlicher wird, werden auch die Beschäftigten eingeschüchtert. Sie sind zunehmend erpressbar und können es sich immer weniger leisten, ihre Arbeit unter gesundheitlichen Aspekten in Frage zu stellen. Gesundheitliche Aspekte werden nachrangig. Der Krankenstand ist so niedrig wie noch nie, und zwar nicht deshalb, weil die Leute immer gesünder werden, sondern weil Krankheit von Kolleg/innen und Vorgesetzten spontan als Drückebergerei empfunden wird. Hier könnte sich folgender fataler Zirkel herausbilden: Je mehr die Arbeit tatsächlich krank macht, desto weniger können es sich die Leute leisten, sich krankzumelden.
B. Gesundheitsschädliche Wirkungen erzwungener Kooperation
Die These ist, dass Arbeit dann krank macht, wenn sie den Charakter einer erzwungenen Kooperation hat und insofern eine permanente Kränkung darstellt. Jobs, die ursprünglich als Übergangslösung geplant waren, werden zur Sackgasse; die Ausweglosigkeit macht depressiv. Lock-in-Effekte, das Festklammern an einen ungeliebten Job, sind sowohl ineffizient als auch gesundheitsschädigend. Fehlforderungen, also Überforderung auf der einen Seite und, noch schlimmer, Unterforderung hinsichtlich der besonderen Fähigkeiten, Neigungen und Interessen der Betroffenen werden sich nachteilig auswirken. Auch die allseits verlangte Flexibilität wird genau dann nicht besonders gesund sein, wenn es sich um erzwungene Flexibilität handelt.
Nun einige Faktoren im Einzelnen. Wie diese negativen Faktoren exakt welche Krankheitsbilder bedingen können, ist dabei nicht das Thema. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass es diese Faktoren gibt und dass sie in der gegenwärtigen arbeitsgesellschaftlichen Entwicklung voraussichtlich stärker zur Wirkung kommen werden.
1. Zentrale Bedeutung kommt der zunehmenden Armut zu. Früher galt: Wer Arbeit hat, ist der Armut entronnen und auf sicheren Seite. Heute gilt das nicht mehr, heute gibt es Arbeitsarmut. Dies ist Existenzunsicherheit trotz Arbeit. Arbeit “um jeden Preis” bedeutet auch Arbeit für einen nicht existenzsichernden Lohn. Hier sind einmal die bekannten “bad jobs” im Dienstleistungsbereich zu nennen sowie auch, inklusive der Übergangsform der Scheinselbstständigkeit, die zunehmende prekäre Selbstständigkeit.
Die Anforderung, als Unternehmer/in mit der eigenen Arbeitskraft für die eigene Existenzsicherung zu sorgen, ist hier mit den Risiken der beruflichen Selbstständigkeit verbunden, jedoch nicht mit den Erfolgschancen, mit der Aussicht auf Wohlstand, mit einer Perspektive, die eine finanzielle Durststrecke akzeptabel erscheinen lässt.
Die bekannten gesundheitsschädlichen Wirkungen von Einkommensarmut gelten also nicht nur für Arbeitslose, sie werden durch Arbeit keineswegs gemildert. Es gibt Unsicherheiten, die bei geringem Einkommensniveau zu Recht als bedrohlich empfunden werden. Es stellt sich nämlich die Frage: Werde ich mir die Arbeit überhaupt leisten können? Es geht dabei um finanzielle Dinge wie Fahrgeld, Weckdienst, Arbeitskleidung. Außerdem ist ein Leben in Armut zeitaufwändiger: Wer versorgt die Kinder, wer macht den Haushalt, wer checkt die Sonderangebote? Arbeit bedeutet eine massive Beschneidung des Zeitbudgets. Insbesondere wer sich als Arbeitslose oder Arbeitsloser trotz niedrigem Einkommen ein (für sich selber sowie auch für andere) sinnvolles Leben einrichten konnte, also als Lebenskünstler/in den Zeitreichtum zu nutzen wusste, wird die erzwungene Arbeit als Strafe erfahren. Die Verringerung der freien Zeit bringt eine Verschlechterung der Situation mit sich. In Form von Zeitarmut gibt es also Armut wegen Arbeit.
2. Zur Forderung nach permanenter Arbeitsuche und Arbeitsbereitschaft siehe den Beitrag von Dagmar Schediwy in diesem Band. Die Mindestsicherung für Erwerbslose, das Arbeitslosengeld II, heißt im Gesetzestext “Grundsicherung für Arbeitsuchende” und ist auch so gemeint. Arbeitslose im bisherigen Sinne wird es dann nicht mehr geben.
Hinzu kommt, dass auch die Bürokratieanforderungen der Behörden vielfach unklar, zumindest schwer verständlich, teilweise absurd sind. Und die Betroffenen sind nicht in der luxuriösen Situation, sich darüber als kuriosen “Amtsschimmel” amüsieren zu können, sondern sie erleben dies vielmehr als existenzbedrohend. Zu den Einkommenssorgen tritt also noch die permanente Sorge, in gesetzlicher Hinsicht alles korrekt zu machen und auch gut genug informiert zu sein, um vermeidbaren Nachteilen auszuweichen.
3. Die Entwicklung der Arbeitsgesellschaft macht immer mehr Leuten Angst. Angst ist ein zentraler Wirkfaktor, der dazu führt, dass es den Menschen schlecht geht. Hinter vielen Krankheitssymptomen steht letztlich die Angst.
Eine Unterscheidung ist hier zu treffen:
Es ist zweifellos gesundheitsförderlich, sich aus einer allzu bequem gewordenen Stagnation heraus zu bewegen, auch wenn dies Verunsicherung und in diesem Sinne Angst auslöst. Dramatische Beispiele sind hierfür, in festgefahrenen Lebenspartnerschaften ein bislang unterdrücktes Thema anzusprechen oder die Richtung des bisherigen beruflichen Lebenslaufs zur Disposition zu stellen. Es geht darum, sich Rechenschaft darüber abzulegen: Ist das wirklich das richtige Leben, das ich führe, oder ist es ein verfehltes Leben? Ich erkenne hier meine Eigenverantwortung: Niemand anderer als ich selbst ist für meine Entscheidungen verantwortlich; die höheren Mächte, die mich fernsteuern, gibt es genau in dem Umfang, in dem ich sie anerkenne.
Diese hier genannten Unsicherheiten, die einen Menschen sehr bewegen und langfristig auch wieder stärken können, sind deutlich zu unterscheiden von der Drohung der Armut, von der Sorge um die materielle Existenzsicherung, letztlich der Sorge um das physische Überleben. Die Kürzung der Sozialeinkommen und die Verschärfung der Zumutbarkeitsbedingungen sollen angeblich “die Eigenverantwortung stärken”, die Betroffenen ermuntern und sie aus ihrer Lethargie herausbefördern. Das Gegenteil geschieht jedoch: Die Betroffenen werden eingeschüchtert, in die Enge getrieben, die Lohnabhängigkeit wird verschärft, die Zwänge werden härter, weiter nichts. Die manchmal zu hörende Behauptung, Eigenverantwortung mache Spaß, ist genau dann zynisch, wenn sie auf Lebenssituationen angewendet wird, in denen sich die Alternative aufdrängt, einen unattraktiven Job zu akzeptieren oder harte Armut bis hin zum Verlust der Wohnung oder Ähnliches zu riskieren. Und es ist genau die Angst vor dem Verlust existenzsichernder materieller Mindeststandards, die immer mehr Menschen krank macht.
4. Die sozialen Kontakte, die ja vielen Erwerbslosen so schmerzlich fehlen, sind in der Arbeit keineswegs von vorneherein eine Quelle der Gesundheit. Hier ist die bereits erwähnte Kränkung durch erzwungene Kooperation zu nennen, also das Dienen-Müssen, das Freundlich-sein-Müssen.
Hinzu kommt, dass der Wettbewerb seine lockernden und belebenden Potenziale einbüßt, auf ungute Art zu einer Unterbietungskonkurrenz der Verlierer/innen gegeneinander wird. “Es reicht nicht mehr für alle!” Das spricht sich herum. Nach dem Motto “Rette sich, wer kann” wird die Arbeitsgesellschaft eine Gesellschaft der gegenseitigen Entsicherung.
Die sozialen Kontakte sind unter diesen Bedingungen keine Quelle von Vertrauen und Solidarität, sondern werden immer mehr zu einer Sphäre von Misstrauen und Mobbing.
5. Schließlich sind auch die Gesundheitsgefahren im herkömmlichen Sinne zu bedenken. Angenommen, Arbeit sei im Grunde gesund, wie zum Beispiel der Sport, so gilt es doch, eben wie im Sport gewisse Risiken zu vermeiden, also Unfallgefahren zu minimieren und chronische Berufskrankheiten zum Beispiel wegen schleichender langfristiger Vergiftung zu erforschen und zu beseitigen. Hier hat es in den letzten Jahrzehnten beachtliche Fortschritte zugunsten der Arbeitenden gegeben. Aber es ist fraglich, ob sich diese Entwicklung fortsetzt. Mit Blick auf die Gesundheitsgefahren der Arbeitenden in den sozialstaatlich ungesicherten Billiglohn-Regionen oder auf das erhöhte Unfallrisiko prekär und/oder illegal Beschäftigter beispielsweise auf Baustellen lässt sich vermuten, dass diese Gesundheitsgefahren im Zuge fortschreitender Entsicherung der Arbeitsgesellschaft und Entrechtung der Lohnabhängigen zunehmen werden.
Unstrittig ist, dass ein befriedigendes Arbeitsleben gesund ist und zahlreiche Vorteile erbringt. Dazu gehören ein regelmäßiger Tagesablauf, ein Mix von anspruchsvollen kreativen Tätigkeiten und sinnvollen Routinetätigkeiten, Tätigkeiten, die mit individuellen Zielen in Einklang stehen, die Freude über geschaffene Werke (“Werke” im weiten Sinne), das Hochgefühl des Aufgehens in der Tätigkeit (“flow”), die Anerkennung der eigenen Kompetenz, des Nutzens und Sinnes der Tätigkeiten durch andere sowie der Spaß, die Aufregung, auch die produktiv ausgetragenen Konflikte mit anderen.
All dies trägt in hohem Maße zur Stärkung der Gesundheit bei.
Hier geht es jedoch um die Besonderheit des aktuell verstärkten Druckes zur Arbeit zum Zwecke der Einkommenserzielung, um Arbeit, die zur Beendigung oder Vermeidung von Arbeitslosigkeit notgedrungen akzeptiert oder behördlicherseits angeordnet wird. In diesem Sinne geht es um Arbeitszwang und dessen gesundheitliche Wirkungen.
C. Verringerung des Druckes auf Erwerbslose und Beschäftigte durch ein bedingungsloses Grundeinkommen
Alles sieht so aus, als würde die Gesellschaft einen steigenden Aufwand zur Bestrafung der Überflüssigkeit betreiben. Durch technischen Fortschritt, durch die steigende Produktivität der Arbeit wird Arbeit immer überflüssiger. Anstatt nun eine Überflussgesellschaft und Reichtum für alle zu verwirklichen, werden die für die Arbeit überflüssig gewordenen Menschen genau dafür immer härter bestraft. Je weniger ein Druck zur Arbeit zum Zwecke der materiellen Versorgung der Gesellschaft notwendig ist, desto kompromissloser werden alle (nicht zufällig vermögenden) Gesellschaftsmitglieder durch das Nadelöhr des Lohnzwanges gepresst.
Nachhaltige Abhilfe von dieser widersinnigen gesellschaftlichen Entwicklung ist nur von einer entschiedenen Umkehr zu erwarten: Der Druck zur Arbeit ist nicht zu verstärken, sondern die Individuen sind vom Druck zur Arbeit zu entlasten.
Konkretisiert werden könnte diese Umkehr unter anderem durch ein ausreichend hohes bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Angeblich gibt es zur Verschärfung des Druckes auf die Lohnabhängigen keine Alternative. Diesem Dogma ist zu widersprechen: Alternativen stehen zur Verfügung, und ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre genau eine solche Alternative.
Die entscheidenden Merkmale eines Grundeinkommens wären die folgenden:
1. Es ist ausreichend hoch, um eine würdige Existenz zu sichern.
2. Es ist ein individueller Rechtsanspruch.
3. Es wird ohne Bedürftigkeitsprüfung gewährt.
4. Der Anspruch auf das Grundeinkommen ist nicht gekoppelt an die Bedingung der Arbeit oder der Arbeitsbereitschaft.
Leicht zu erkennen ist, dass die Hartz-Gesetze das glatte Gegenteil bedeuten:
Arbeitslosengeld (ALG) II bedeutet Armut für immer mehr Betroffene (ad 1). Die Bemessung des ALG II für Bedarfsgemeinschaften steht gerade im Widerspruch zu einem individuellen Anrecht (ad 2). Für die bisherigen Arbeitslosenhilfeempfänger/innen wird die Bedürftigkeitsprüfung massiv verschärft und führt zur Durchleuchtung der privaten Lebensverhältnisse. Ersparnisse müssen weit gehend aufgebraucht werden (ad 3). Nach dem Motto “Keine Leistung ohne Gegenleistung” bedeuten die verschärften Zumutbarkeitskriterien Arbeitszwang in bisher ungekanntem Ausmaß (ad 4).
Die beiden letzten Kriterien sind die besonders interessanten und umstrittenen Kriterien der Bedingungslosigkeit. Es geht um ein bedingungsloses Grundeinkommen als Rechtsanspruch, in der internationalen Diskussion ist von einem unconditional basic income die Rede.
Das Grundeinkommen würde den Zwang zur Arbeit graduell verringern und insofern die oben genannten Fehlentwicklungen stoppen.
Folgende Wirkungen des bedingungslosen Grundeinkommens sind zu erwarten:
Die Menschen erhalten mehr individuelle Freiheit. Zur Option der Lohnarbeit, deren Einkommen das Grundeinkommen erhöht, kommt die Option auf unbezahlte Tätigkeiten (und Untätigkeiten!) hinzu. Die Menschen verfügen über mehr Zeitautonomie und können ihre Arbeitszeit individuell verkürzen. Die Marktposition der Arbeitskraftanbieter/innen wird gestärkt und das heute so typische Machtungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zu Gunsten der Lohnabhängigen verringert. Sie sind mit Grundeinkommen eben nicht mehr in voller Härte lohnabhängig. Konsequenterweise wird immer mehr freie Kooperation die erzwungene Kooperation ablösen.
Es ist plausibel, dass die Entlastung vom Druck zur Arbeit einen Gewinn an Gesundheit für die Arbeitenden erbringt.
Im Moment jedoch geht der Trend offensichtlich in die andere Richtung. Die Gesundheit der ökonomisch schwächeren Bevölkerungsschichten wird deshalb auch aufgrund von mehr Arbeitszwang in Gefahr geraten.
Nachtrag 1: Wenn alle ein ausreichend hohes Grundeinkommen erhalten, wird dann überhaupt noch irgend jemand arbeiten?
Es ist zu erwarten, dass die Befreiung durch ein Grundeinkommen Tätigkeiten eher entfesseln und dynamisieren wird. Wenn die Leute in höherem Maße das tun können, worauf sie Lust haben, werden sie erfahrungsgemäß nicht (oder nur vorübergehend) nichts tun.
Es bleibt das Problem der unbeliebten Arbeiten, der unattraktiven Jobs. Mit Existenzsicherung durch ein Grundeinkommen kann jede und jeder einen Job, zu dem es sie oder ihn nicht hinzieht, ablehnen. Auf diese Weise wirkt das Grundeinkommen als ökonomischer Anreiz, nämlich als Anreiz zur Abschaffung unattraktiver Arbeiten.
Mit Grundeinkommen haben die Arbeitenden eine bessere Verhandlungsposition. Anders als heute werden dann für die unattraktiveren Arbeiten höhere Löhne ausgehandelt.
Der Punkt, der für liberale Geister eigentlich das Hauptargument für das Grundeinkommen ist, dass die Leute in höherem Maße das tun können, was sie tun wollen, also die Vermehrung der individuellen Freiheit, dieser Punkt ist gleichzeitig auch der Stein des Anstoßes, der Ursprung der ernstesten Bedenken gegen das Grundeinkommen: Wenn alle machen, was sie wollen, wer arbeitet denn dann überhaupt noch? Diese Bedenken, also die Meinung, dass nur unter Zwang, unter dem Druck der Existenzangst gearbeitet wird, sind ein Indiz für die zutiefst autoritäre Ausrichtung der Arbeitsgesellschaft, für das Verlangen, dass alle Mitmenschen unter der Kontrolle des Kollektivs ihren Beitrag für das Kollektiv zu erbringen haben.
Nachtrag 2: Ist ein ausreichend hohes bedingungsloses Grundeinkommen überhaupt finanzierbar?
Alle Einwohner/innen, ob arm oder reich, erhalten das Grundeinkommen. Das klingt zunächst abenteuerlich, ergibt sich aber aus der Forderung nach der Abschaffung der Bedürftigkeitsprüfung. Finanziert wird das Grundeinkommen aus dem Steueraufkommen. Es wird also auf der einen Seite viele Geringverdiener/innen geben, deren Steuerlast geringer ist als das Grundeinkommen, das sie erhalten. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe beginnt die Sphäre der Nettozahler/innen. Hohe Einkommen sind stärker zu belasten. Jedoch darf das Grundeinkommen die Bereitschaft zur Erwerbsarbeit nicht so stark reduzieren, dass seine eigene Finanzierung gefährdet ist.
Bei der Planung öffentlicher Finanzen sind ökonomische Argumente zu beachten, die die Dynamik der Wirtschaftsentwicklung mit einbeziehen:
Stichwort Produktivitätsfortschritt: Arbeit wird immer produktiver, insofern immer “überflüssiger”. Dies führt aktuell zum gesellschaftlichen Problem Arbeitslosigkeit. Die hohe Produktivität ist aber auch Zeichen wirtschaftlichen Erfolges und verweist auf die Möglichkeiten einer Überflussgesellschaft.
Zum zweiten ist mit einer effizienteren “Allokation des Faktors Arbeit” zu rechnen: Die Leute machen in höherem Maße das, worauf sie Lust haben und was sie gut können. Sie klammern sich nicht mehr, unmotiviert und dementsprechend unproduktiv, im Zustand innerer Kündigung, angstvoll an ihre Jobs, die sie eigentlich verlassen wollen. Die gestiegene Arbeitsmotivation erbringt erwartbar auch ein höheres Arbeitsprodukt und insofern weitere Überschüsse zur Finanzierung des Grundeinkommens.
Das Grundeinkommen bedeutet eine gestärkte verlässliche Konsumnachfrage der einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten und ist insofern ein Beitrag zur ökonomischen Stabilität der Volkswirtschaft.
Gegen alarmistische Bedenken und ökonomische Zusammenbruchsängste in Bezug auf das Grundeinkommen ist zu sagen, dass es auch im besten Fall nicht zu einer schlagartigen Einführung eines hohen Grundeinkommens (zum Beispiel vom Typ des Existenzgeldes) kommen wird. Es wird Zwischenschritte geben, die hinsichtlich ihrer Finanzierbarkeit zu evaluieren sind: Erhöhung von Arbeitslosengeld II, individuelle Auszahlung statt Auszahlung an Bedarfsgemeinschaften, Rücknahme der Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen und der Sanktionen, keine Ein-Euro-Jobs oder zumindest nur Ein-Euro-Jobs auf freiwilliger Basis.
Diese Übergänge werden, wenn sie auf die Verringerung von Zwang und die Vermehrung von Freiheit gerichtet sind, auch der Gesundheit der Betroffenen förderlich sein.
Ulmer, Robert
Studium Geisteswissenschaften, BWL. Initiative Anders arbeiten oder gar nicht. Erwerbsloseninitiative Piquetero. Netzwerk Grundeinkommen. Arbeitsschwerpunkte: bedingungsloses Grundeinkommen, Kritik der Arbeit
Zuletzt aktualisiert am 17.02.2006 21:15:36 | Autor: Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. | Nutzungshinweise, Haftungsausschluss










